Eine weitere Darstellung der Geschichte findet sich in der Kreisbeschreibung des Kreises Biberach.

 

Geschichte der Gemeinde Betzenweiler

erforscht, entworfen, erstellt und getextet von Hr. Schubert. für die
Broschüre zum Heimat- und Gemeindefest in Betzenweiler vom 19.-20. August 1995

Herr Walter Schubert veröffentlichte 2001 ein sehr gutes Buch zur
Geschichte von Betzenweiler:

"Dorf und Pfarrei Betzenweiler"
iSBN-Nr.: 3-00-008468-1
Herausgeber: Gemeinde Betzenweiler

 

1. Naturraum und Siedlung


Die 970 ha große Gemarkung Betzenweiler liegt im Altmoränenland zwischen dem Federseebecken und dem Bussen. Sie wird von der zur Kanzach fließenden Miesach, einem Entwässerungsbach des Federseemoors von Moosburg her, zerschnitten. Eine vermoorte Talmulde zweigt vom Miesachtal bei Betzenweiler ab und verbreitert sich bei Bischmannshausen zum ,,Ried" und weiter zum Reutibachtal bei Uttenweiler. Bischmannshauser Ried, Wolfskehle und das obere Miesachtal stellen einen Niedermoorstreifen mit zahlreichen ehemaligen Torfstichen dar. Die Höhen Kanzacher Berg, Zeil und Köhlberg stellen vermutlich einen Endmoränenzug dar, bestehend aus Geschiebemergel mit grobem Geröll und auch Blöcken. Die Kiesgruben lassen die tertiäre Obere Meeresmolasse aus oft durch Kalk verfestigtem grünlich-gelbem Pfohsand erkennen. Unter dem wasserdurchlässigen Kies treten über dem Tertiär zahlreiche Quellen aus, so in etwa 570 m NN im ,,Weiherspan" zwischen Betzenweiler und der Wolfartsmühle, aber auch bei Bischmannshausen. Die Gemarkung erreicht an ihrer Südgrenze, dort wo der Seelenwald beginnt, mit 616 m NN ihren höchsten Punkt. Der niedrigste mit 556 m befindet sich bei der Wolfartsmühle.
Betzenweiler war noch im 19. Jahrhundert nur ein locker verbautes Haufendorf beiderseits der Miesach. Zwei Straßen folgen dem Hangfuß links und rechts der Talaue und werden durch zwei über den Bach führende Straßen miteinander verbunden. Die Hauptstraße erweiterte sich zu einem zentralen Dorfanger, der durch den Abbruch des alten Rathauses 1974 verbreitert wurde. Hier steht auch das neue Rathaus, dessen Vorplatz 1988 neu gestaltet wurde und mit dem ,,Steinschweizer-Brunnen" von Freimut Storrer einen eindrucksvollen Blickfang erhielt. Den Platz beherrscht optisch die Pfarrkirche St. Clemens durch ihre erhöhte Lage auf einer Hangterrasse. Sie bildete bis ins 19. Jahrhundert hinein zusammen mit Friedhof und Pfarrhof das Nordende des Dorfes. Die Anordnung der Gebäude geht auf den Wiederaufbau des Dorfes nach dem Dreißigjährigen Krieg zurück. Damals (1667) entstand auch der Stift Buchauische ,,Bau- und Sennhof‘ am Nordrand des Dorfes. Die Gebäude dieses markanten Gehöfts blieben bis 1958 erhalten, als der ,,Obere Bauhof‘ und der größere Teil der Scheune durch moderne Bauten ersetzt wurden. Der ,,Untere Bauhof‘ steht seit 1993 im Kreisfreilichtmuseum Kürnbach. Nach einer Phase der innerörtlichen Bauverdichtung entstanden zu Ende des 19. Jahrhunderts weitere Bauten am Kanzacher Weg, der Dürmentinger und der Uttenweiler Straße, die von der Kirche aus nach Norden ging (Offinger Straße). Die jetzige gerade Straße nach Bischmannshausen wurde erst 1840 angelegt. Nach dem 2. Weltkrieg erfolgte das Siedlungswachstum hauptsächlich zwischen der Offinger und der Uttenweiler Straße. Am westlichen Dorfeingang entstand ein Industriegebiet mit mehreren Werkhallen zu beiden Seiten der Riedlinger Straße. Auch Handwerksbetriebe bauten am Rande des Dorfes neue Betriebsgebäude oder erweiterten die bestehenden.

Bischmannshausen, die zweite Siedlung des Gemeindegebiets, liegt an der Landstraße nach Uttenweiler etwa 1 km von Betzenweiler entfernt. Durch Ausbau im 19. und 20. Jahrhundert erhielt der kleine bäuerliche Ort, der aus mehreren stattlichen Höfen besteht, die Form eines Straßenweilers.

Einzelwohnplätze sind die Wolfartsmühle an der Miesach unterhalb des Dorfes und der erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegte Hof Neuhaus unmittelbar an der südlichen Markungsgrenze an Moosburg angrenzend.

2. Kleine Geschichte Betzenweilers

Die Gemarkung Betzenweiler, zu der bis 1873 auch die Markungen von Moosburg, das erst 1792 gegründet wurde, und Brackenhofen gehörten, liegt in dem alten Siedlungsraum zwischen Federsee und Donau. Schon vor 20 000 Jahren legten nomadisierende Rentierjäger nahe der Schussenquelle eine Lagerstätte an. Die dort gefundenen Knochenreste von Tieren, die heute noch in den Polargebieten Nordeuropas leben, weisen auf ein arktisches Klima hin, wie wir es von den Tundraregionen Nordeuropas und Sibiriens kennen. Die wenigen Menschen, die diese karge Landschaft durchstreiften, hinterließen nur wenige Spuren; primitive Horn- und Feuersteingeräte, nicht vergleichbar mit den berühmten Höhlenmalereien Südfrankreichs und Spaniens. Das wärmere Nacheiszeitklima zog wieder mehr Menschen in diesen Raum, so daß rund um den zurückweichenden und verlandenden Federsee größere und kleinere Moorsiedlungen entstanden. Reste jungsteinzeitlicher Dörfer befinden sich im Dullenried bei Bad Buchau, bei Riedschachen und Aichbühl. Zu diesen gesellten sich immer mehr Siedlungsfunde durch die Ausgrabungen der letzten Jahre. Sie alle sind in die Zeit zwischen 4 300 - 1 800 v. Chr. einzuordnen. Einige Fundstellen sind aber noch älter. Während der folgenden Bronzezeit, die ein feuchteres Klima aufwies, war die Federseegegend weniger besiedelt. Die Hauptsiedlungsgebiete lagen nun in trockeneren Gegenden, vor allem auf der Schwäbischen Alb. Aber auch südlich der Donau finden sich ausgedehnte Grabhügelfelder, der Bestattungsart dieser Zeit. So befindet sich ein Gräberfeld von 1 km Länge und 600 m Breite rechts der Straße von Betzenweiler nach Hailtingen. In dem sich vom Lachenhau bis zum Weiherspan auf Hailtinger Markung sich hinziehenden Gräberfeld wurden noch im letzten Jahrhundert rund hundert gut sichtbare Grabhügel gezählt, die vom Riedlinger Altertumsverein ausgegraben wurden. Dabei fand man eine große Anzahl bronzener, aber auch eiserner Gegenstände. Ein Grabhügel befindet sich im Dürlewang und einige in der Froschlache. Auch am Weg nach Kanzach, in der Nähe des Fasanenhofes, sind noch deutlich sichtbare Grabhügel zu sehen. Die Menschen dieser Zeit gehörten dem großen Volk der Kelten an. Ob Betzenweiler damals schon Ort einer keltischen Siedlung war, läßt sich heute noch nicht klären, obwohl der Flurname Köpfgrub, in den alten Urkunden coephgrubh geschrieben, auf eine keltische Sternwarte hindeutet. Im Irischen, einer auf dem Keltischen beruhenden Sprache heißt coipa gruama‘ anvisieren, anpeilen der Sterne. Wer den Ort kennt, weiß, daß die Köpfgrub keine Grube ist, sondern ein geometrisch angelegter schanzenartiger Hügel. Wenn man dabei die West- und Ostkante verlängert, erhält man ein Dreieck, dessen Mittellinie genau nach Norden weist. Daß unsere Gegend ein von Kelten besiedeltes Land war, beweisen die vielen Viereckschanzen in unserem Raum, z.B. Tiefenbach, Klinge/Riedlingen, Heiligkreuztal, Hundersingen. Eines der bedeutendsten keltischen Kulturdenkmäler Mitteleuropas ist die Heuneburg mit dem Hohmichele bei Hundersingen. Aber auch die Römer, die von ca. 50 - 260 n. Chr. unseren Heimatraum beherrschten, hinterließen ihre Spuren. So führte eine römische Heerstraße von Ertingen her kommend an Heudorf und Hailtingen vorbei in Richtung Dentingen - Aderzhofen, wobei links der Straße Betzenweiler - Hailtingen bei der Abzweigung nach Burgau auch römische Siedlungsreste zu finden sind. Mit dem Durchbruch der Alemannen durch den Limes, dem Schutzwall der Römer gegen die Germanen, endete die Herrschaft der Römer über unser Gebiet. Aber erst im 5. Jahrhundert häufen sich die Spuren alemannischer Besiedlung, vor allem der typisch alemannischen Reihengräber mit den üblichen Grabbeigaben.

Die verschiedenen Ortsherrschaften von Betzenweiler

Im Grundbuch Betzenweiler von 1666 lesen wir: ,,Ist bei Zeiten und Regierung der hochwürdigen Fürstin und Frauen, Frau Barbara, Äbtissin und Fürstin des kaiserlich gefürsteten, frei-weltlichen Stifts Buchau, geborene Freiin von Gundelfingen, durch ihro fürstlichen Ganden und dero Kapitel von Herrn Dietrich Speth von Neidlingen, Erbtruchsessen des Herzogtums Württemberg, erkauft worden die Vogtei zu Betzenweiler, mitsamt dem Buchwald daselbsten für frei, eigen, samt hohen und niederen Gerichten, Zwängen, Bännen und aller Obrigkeit und Herrlichkeit. Item Diensten, Frevel, Reichssteuern, Zöllen usw., nichts ausgenommen laut Kaufsbriefs von Samstag nach unserer lieben Frauen Himmelfahrt anno 1510.,,

Durch diesen Kauf war nun das Stift Buchau Ortsherr in Betzenweiler und blieb es bis zu seiner Auflösung im Jahre 1803. Dieser Kaufvertrag bildete auch den Abschluß der ersten Periode in der wechselvollen Geschichte Betzenweilers.

Begonnen hatte sie im Zuge des Ausbaus des alemannischen Siedlungsraumes unter fränkischer Oberherrschaft. In einer Urkunde, die am 17. November 817 in Daugendorf ausgestellt wurde, bestätigte Graf Chadaloh aus dem Geschlecht der Alaholfinger dem Kloster St. Gallen die Schenkung von Gütern aus seinem Besitz rund um den Bussen. Hier finden wir auch die Ortsbezeichnung ,,Perahtramnivilare ad Fedarhaun" als erste Nennung des heutigen Dorfes Betzenweiler. Daß zu dieser Zeit hier schon eine Siedlung bestand, bestätigt die Geschichte des Stiftes Buchau, das bei seiner Gründung im Jahre 770 mit zwölf Maierhöfen, darunter auch mit dem von Betzenweiler, ausgestattet wurde. An seiner Stelle befand sich das Gasthaus zum ,,Löwen", das dem 1995 bezogenen Neubau der Volks- und Raiffeisenbank weichen mußte.

Die nächste schriftliche Nachricht von Betzenweiler stammt aus dem Jahre 1275. Damals wurde die älteste amtliche Statistik der Diözese Konstanz aufgestellt, die als Steuerliste für den auf dem 2. Lyoner Konzil beschlossenen Kreuzzugszehnten der Geistlichen angelegt wurde. Darin wird auch die zum Dekanat Buchau gehörende Pfarrkirche St. Klemens zu Betzenweiler aufgeführt, die unter dem Patronat des Stiftes Buchau stand. Die enge Verbindung zwischen dem Stift und der Pfarrkirche von Betzenweiler geht auf die alten Besitzverhältnisse zurück. Die Kirche des HI. Klemens war auf dem Grund und Boden des Maierhofes errichtet worden und dieser gehörte zum Gründungsgut des Stiftes.

Wer aber war zu dieser Zeit Ortsherr in Betzenweiler? Das Geschlecht der Alaholfinger war schon 973 ausgestorben und ihre Nachfolger waren vermutlich die Grafen von Altshausen-Veringen. Betzenweiler gelangte spätestens 1252 durch eine Heiratsverbindung in den Besitz der Grafen von Grüningen-Landau. Von diesen ging es dann um 1340 in den Besitz der Grafen von Württemberg über. Sie behielten es aber nicht in eigener Verwaltung. 1392 belehnte Graf Eberhard von Württemberg den Ritter Manz von Hornstein zu Heudorf mit Dorf und Vogtei zu ,,Beczenwiler by Buchower Sewe". In der Urkunde werden 703 Lehensleute genannt. 1469 erhielten die Hornstein Betzenweiler zu eigen, verkauften das Dorf mit allem Zubehör aber schon 1472 an Dietrich von Speth zu Neidlingen, der es schließlich 1510 um 1900 Gulden an das Stift Buchau verkaufte, das schon lange, vermutlich seit seiner Gründung, der größte Grundbesitzer im Dorfe war. Das Grundbuch Betzenweilers von 1477 verzeichnete neben dem Maierhof noch 15 Korneliergüter, so genannt nach dem Hl. Kornelius, dem Patron der Stiftskirche in Buchau, im Besitz des Stiftes. Diese Guter umfaßten insgesamt 43 Mannsmahd Wiesen, 260 1/2 Jauchert Acker und 8 Jauchert Wald. Davon gehörten zum Maierhof 12 1/2 Mannsmahd Wiesen und 43 Jauchert Acker. Die verhältnismäßig geringe Wiesenfläche ist dadurch zu erklären, daß die Bachaue und das Ried zwischen Betzenweiler und Brackenhofen allgemeine Weide war und daß die Laubwälder der damaligen Zeit ebenfalls zur Weide dienten. Neben der Kirche besaßen auch noch andere Herrschaften Besitz im Dorf und auf der Markung Betzenweiler. So vor allem die Stotzingen von Heudort die neben zwei Gütern auch den Wald Köhlberg besaßen. Das Stift erwarb diese Güter 1608. Uberhaupt war das Stift bestrebt, auch alle noch freien Güter an sich zu bringen. So verlangt es schon im Jahre 1534, daß eigene Güter in seinen Dörfern zuerst dem Stift zum Kauf angeboten werden bei 3 Pfünd Strafe. 1666 erwarb das Stift noch 3 Hofstätten und Gärten in Betzenweiler von den Grafen von Montfort und 1715 den sogenannten Stotzinger Weiher um 800 Gulden, der zu jener Zeit aber schon als Wiese genutzt wurde.


Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen

Die größten Veränderungen für das Dorf und seine Bewohner brachte der 30jährige Krieg mit all seinen Schrecken und Heimsuchungen. Obwohl die eigentlichen Kriegshandlungen erst 1632 mit dem Einfall der Schweden und den mit ihnen verbündeten Altwürttembergern und Sachsen in Oberschwaben begann, hatte die Gegend um Bussen und Federsee schon jahrelang unter Durchzügen und Einquartierungen der kaiserlichen Truppen zu leiden.

Da das Stift Buchau zu den direkt dem Kaiser unterstellten Ständen gehörte, mußte es sich auch an den hohen Kriegskosten beteiligen. Hauptleidtragende waren dadurch dessen Untertanen, die diese Kosten mittragen mußten. Als gar wallensteinische Truppen (1627) in den stiftischen Wäldern um Betzenweiler, Kanzach und Dürnau lagerten und von da aus die einzelnen Ortschaften überfielen und plünderten, breitete sich Armut und Hunger immer weiter aus. Abt Storer von Zwiefalten schrieb in seinem Tagebuch: ,,Die Soldaten hausten zum Teil sehr übel, prügelten die Bauern und jagten sie aus den Häusern; Kästen und Tröge erbrachen sie und plünderten sie aus; die Rosse führten sie weg, schlachteten das Vieh und nahmen das Fleisch mit. Mit einem Wort: Sie hausten, daß es zum Erbarmen ist." Selbst das mutige Eintreten der Abtissin Katharina Spaur gegen die erbarmungslosen Übergriffe der Soldaten konnte an den Drangsalen des Volkes nichts ändern. Zu allem Unglück bracht 1628 auch noch die Pest in der Federseegegend aus. Abt Storer berichtet: ,,Zu Alleshausen am Federsee und selber Gegend war es sehr bös ...,, Als natürliche Ursachen dieser schlimmen Sucht gab man vor, den großen Hunger und die Not der gemeinen Leute, welche gezwungen waren, Grüsch, Eicheln, Eichenrinde und Ofenleim untereinander zu backen, ob welcher Armut sich nicht zu verwundern ist, weil durch die alldort einquartierten Soldaten die Vorräte verzehrt und vieles von Parteigängern entführt war. Das übrige mußte unter Leibes- und Lebensstrafen den fast unerbittlichen Kommissären bald da bald dorthin, auch bis an den Bodensee hinaus und auf Memmingen und nach Ulm hinunter geliefert werden; so war eben Jahrs zuvor aller Orten noch zum größten Unglück ein fast allgemeiner Mißwachs."

Über das Schicksal Betzenweilers während des Krieges sind keine Aufzeichnungen vorhanden. Einige Nachrichten lassen aber Schlüsse auf das Geschehene ziehen. So sind die letzten Zinsbriefe Betzenweiler Bürger im Stift 1631 ausgestellt. Seit 1633 bis 1670 war kein Pfarrer mehr in Betzenweiler. Der Graf von Scheer berichtet in einem Brief vom 1. Oktober 1635: ,,Meine Dörfer sterben zum Teil ganz aus, sonderlich Dürmentingen und Marbach; es ist ein erschrecklich Sterben, denn der Hunger und Krieg auch dabei sind. Auf dem Bussen stirbt auch alles Volk hinweg. In Scheer wütet die Pest auch ebenfalls sehr. Die anderen Dörfer sterben ganz aus, wie auch Riedlingen und Saulgau; zu Mengen hat das Sterben auch eingerissen. Es leben noch 5 oder 6 Mann zu Dürmentingen, aber auf meinen Höfen kein einziger Mann mehr; auch anderswo auf meinen Höfen, zu Betzenweiler, Buchay, Ertingen, Neufra, Heudorf, kurz, alle Orte sterben aus."

Über die Verwüstungen und Schäden, die der Krieg verursachte, berichtet Pfarrer Eberhard von Betzenweiler 1679: ,,Als ich nach und nach bei glaubwürdigen alten Männern auskundschaftet, daß allhiesige Pfarrkirch vorzeiten mit gar zierlichem Geläut gut versehen, welches von gnädiger Herrschaft Buchau von hier abgeführt und für die Brandschatzung (= Zahlung an den Feind, um eine Plünderung zu verhindern), des fürstlichen Stifts nach Überlingen geliefert worden seie". Weiter beklagt er sich darüber, daß man von ihm verlange, das schon über 30 Jahre schadhafte Dach des Gotteshauses aus seinen Zehnteinnahmen erneuern zu lassen. Er rechtfertigt sich bei neuerlichen Anfechtungen folgendermaßen: ... was ich für Mühe und Arbeit erlitten, bis ich die vom Schwedischen Krieg sehr verwüstete und zerstörte Pfarrkirch etwelcher Gestalten wieder restauriert ..., zum ersten, da ich einen ganz neuen Glockenstuhl erbeuet und die Kirch mit zwei neugegossenen Glocken versehen und gleich darauf in dem anderen Jahr (1680) die von dem schwedischen Tumult profanierten Altäre wiederherstellen und weihen lassen. Zum anderen habe er auch aus der Kirchen ihre Mittel ohne Beitrag anderer Kräfte ein vierchöriges Mesnerhaus auferbaut." In weiteren sechs Punkten berichtet er, was er noch für die Außen- und Innenrestaurierung der Pfarrkirche und der Instandsetzung des Friedhofes getan hat. Heute noch ist an der Außenwand des Chores eine Kanonenkugel zu sehen, die zur Erinnerung an die Kriegszeit eingemauert wurde.

Weitere Berichte über das Ausmaß der Zerstörungen finden wir im Grundbuch von 1666. Hier sind unter den 33 aufgeführten Gütern Betzenweilers sieben Häuser als neuerbaut bezeichnet, darunter der stiftische Bau- und Sennhof (1958 zum Teil abgebrochen), das Hirtenhaus (1954 abgebrannt) und das Pfarrhaus (1826 umgebaut und vergrößert). Die genaue Zahl der während des Krieges zerstörten Häuser ist aber hier auch nicht zu erfahren, denn eine dem Verzeichnis der Hinterlassenschaft des bei Heiligenberg 1667 ermordeten Schultheißen von Betzenweiler, Hans Stofer, beigefügte Beschreibung lautet: ,,Hans Stofer seel: so bei Heiligenberg ermordet worden, hat zween Kapitelshöf, so vormalen Jakob Schilling und Jakob Sendlin, sodann ein Haus, welches zuvor Hans Kettnacker innegehabt, laut Bestandsbrief 1651 mit dieser Condition, daß er auf diese Güter ein Haus und Scheuer in seinen Kosten auftühren solle. ,,(Hans Stofer, gebürtig aus der Schweiz, bekam diese Güter, weil die vorherigen Inhaber während des 3ojährigen Krieges ums Leben kamen). Im Grundbuch von 1666 ist dieser Stofersche Hof aber nicht als neuerbaut bezeichnet, so daß anzunehmen ist, daß auch weitere Höfe ohne diese Angabe sind, vor allem dann, wenn sie kurz nach dem Kriege wieder erbaut wurden. Weiter wissen wir aber, daß zu dem vom Stift Buchau 1666 neu erbauten Bau- und Sennhof die Hof-stätten, Gärten und Güter von vierzehn während des Krieges entvölkerten und zerstörten Höfe zusammengelegt wurden, so daß Pfarrer Eberhard 1673 mit Recht von einem ,,ruinierten, öden Ort" sprechen konnte.

Wiederaufbau und Neubesiedlung

Nur zögernd zog nach den schrecklichen Jahren des Krieges und der Pest wieder Leben in das zerstörte Dorf Die wenigen Überlebenden begannen, auf sich selbst gestellt, ihre zerstörten und abgebrannten Häuser und Scheunen wieder aufzubauen und die von Gestrüpp überwachsenen Felder und Wiesen wieder zu bebauen. Das Stift konnte ihnen kaum eine Unterstützung gewähren, denn es hatte selbst während des Krieges schwer zu leiden. Es war aber bestrebt, das Dorf so rasch als möglich wieder aufzubauen und zu besiedeln, denn seine Einkünfte hingen von den Erträgen seiner Lehensleute ab. Aber erst im Jahre 1666 war wieder eine gewisse Ordnung in das Dorf Betzenweiler gebracht worden, wie im Grundbuch dieses Jahres steht: ,,Wie solches (Betzenweiler), als es in höchster Confusion und Unordnung von den passierten Kriegszeiten hero noch gänzlich fruchtlos darnieder gelegen, ... beschrieben, gemacht und in folgende Ordnung gebracht worden".

Wie groß die Unordnung war, erkennen wir daraus, daß nur noch von folgenden acht Höfen die Lage und Größe der Acker und Wiesen in der Markung bekannt war.

  1. Der stiftische Maierhof, der nachweislich von 1440 bis zu seiner letzten Verleihung am 17.12.1618 von dem Geschlecht Sauter bewirtschaftet wurde. Danach ist am 17. März 1651 ,,Hans Mayem, genannt Schwerthans, Ihro fürstlicher Gnaden Abtey-Mayerhof zu Betzenweiler dergestalten verliehen worden, daß er selbigen über Sommer anblümen und drei Jahr gültfrei, dargegen schuldig, die abbrennte Scheuer auf seine Kosten zu erbauen und das Haus zu reparieren verbunden. Nach Abfließen der drei Jahr aber mit dem Ersatz nach Zeit und Kauf gehalten werden soll." (Im Jahr 1618 betrugen die Abgaben: Erschatz (= einmalige Zahlung bei der Hofübernahme) 90 Gulden, an Gülten und Zinsen: jährlich 4 Malter (ein Malter war ein Hohlmaß, das ca. 175 1 faßte), Roggen und 3 Malter Hafer, 120 Eier, 6 Hühner, 1 Fastnachtshenne, Haus- und Hauzins = 2 Gulden). Der Hof wurde aber 1653 schon wieder neu verliehen. Die Bedingungen waren noch günstiger als 1651. Aber erst 1666 erfahren wir, wieder unter einem neuen Namen, daß der Hof wieder aufgebaut ist: ,,Michel Manz besitzet ihrer fürstl. Gnaden zu Buchau Abteyfallehen und ihme auf zween Leib (d.h. der Hof ist ihm bis zu seinem Tod oder dem Tod der Abtissin verliehen) verliehenen Mayerhoff, darein gehört Haus, Hoff, Scheuer, Hofraithin, neuebauthes Breyhäuslin und zween Gärthen ...,, Zu diesem Hof gehörten 40 1/4 Jauchert (1 Jauchert = 46,2 Ar) Acker in den drei Oschen (Mühlösch, Alleshauser Osch und Kanzacher Osch; 1477 hießen sie noch Osch auf der Steinge, Osch in der Braitte und Osch uff dem Kepff).
  2. Hans Stofers Kapitelshof, bestehend aus den zwei Kapitelshöfen, die zuvor Jakob Schilling und Jakob Sendlin innehatten und dem Haus dem Hans Kettnacker, 1666 war dieser Hof aber schon geteilt ,,Anna Stoferin, Hans Stofers Wittib besitzet ein Kapitelsgut von 33 Jauchert. Philipp Stofer besitzet ein Kapitelsgut von 30 3/4 Jauchert."
  3. Der Heiligen Mesnergütle von 5 Jaucherten. Ursprünglich besaß die Kirche zwei kleine Mesnergütlein, von denen aber eines eingegangen ist, denn im Grundbuch von 1666 lesen wir: ,,und weilen der Heilig zu Betzenweiler jährlich auf Hans Brunners Hofstatt und Gütel 4 Viertel Roggen von diesem gefordert, man aber dieses Gütel nit mehr weiß, sondern es unter anderen Gütern vermischt worden, also solle dem Heiligen jährlich gedachter Uberschuß auf Martine zugehen." Dieses Gütlein ist an Jakob Weiß, den Mesner, verliehen, der auch den kleinen Widumshof innehat.
  4. Der Heiligenhof, den jetzt Hans Miller besitzt, umfaßt 20 Jauchert Acker. Der frühere Hofinhaber war der Heiligenpfleger (Kirchenpfleger) Galle Schilling.
  5. Hans Reiters Kapitelsgut mit 47 1/4 Jauchert Acker, das früher Marte Weber innehatte.
  6. Das große Widum (Pfarrgut) mit 35 1/2 Jauchert bebaut 1666 Peter Bucher. Vor dem Krieg war Hans Manz der Widenmaier.
  7. Das kleine Widum oder Pfarrgut mit 26 Jauchert, ,,eine Hofstatt, so neu zu erbauen ist" besitzt der schon genannte Mesner Jakob Weiß.

Diese Höfe umfaßten 239 3/4 Jauchert Ackerfläche von insgesamt 613 1/2 Jauchert der neu vermessenen Dorfmarkung. Die restlichen 373 3/4 Jauchert auf neu zu errichtende Höfe verteilt. Da aber vermutlich zu wenig Leute im Dorf waren, um diese Fläche zu bewirtschaften, behielt sich die Äbtissin von Buchau in jedem Osch ein zusammenhängendes Arrealt der besten Äcker vor, um sie in eigene Verwaltung zu nehmen. Im Grundbuch von 1666 wurde die Fläche des neuerbauten ,,Ihro fürstl. Gnaden Bau- und Sennhof zu Betzenweiler" mit 66 Jauchert angegeben. Nach der endgültigen Aufteilung der Güter umfaßte er aber 73 3/4 Mannsmahd Wiesen und 113 7/8 Jauchert Äcker, dazu noch die zu Gärten gemachten Hofstätten von 11 während des Krieges zerstörter Höfe. Ausgemessen wurden noch: 4 Höfe mit je 24 Jauchert, 9 Gütel mit je 18 Jauchert, 2 Gütel mit je 12 Jauchert, 7 Taglöhnergütel mit je 3 Jauchert und 1 Gütel mit 4 1/2 Jauchert. Dazu kamen noch Pfarrhaus und Hirtenhaus.

Viele von diesen Gütern waren noch ohne Gebäude und wurden unter der Bedingung vergeben, darauf Haus und Scheuer zu errichten. Welchen Zeitraum dies zum Teil in Anspruch nahm, wird aus den Bestandsprotokollen für das Taglöhnergütlein von Hans Senner ersichtlich. Am 17.8.1680 wird notiert, daß das Lehengütle, welches Hans Senner bis zum 23.3.1673 innehatte, jetzt Adam Nassal um die Landgarb (jede 4. Getreidegarbe mußte als Abgabe an das Stift Buchau gegeben werden), usw. übernimmt. Anstatt des Erschatzes soll er ein Haus bauen und ist 6 Jahre steuerfrei. Am 11.4.1681 übernimmt Jakob Vollmer, Schneider, das Gut von Adam Nassal zu denselben Bedingungen. Dieser überläßt es am 5.6.1682 dem Mesmer Jakob Weiß, der 4 Jahre gültfrei ist, das Kuchelgefäll aber sofort reichen muß.

Ein anderes Bestandsprotokoll macht den langsamen und schwierigen Wiederaufbau des Dorfes noch deutlicher: ,,Capitulum, Samstag 27. August 1696 Betzenweiler gnädigster Herrschaft heimgefallenen Lehengütle ist auf untertänigstes Anhalten von Georg Dilsi von Hundersingen aus heiligkreuztalscher Herrschaft gebürtig, folgender Gestalten auf sein Weil und Leben lang verliehen worden. Der erstlichen er anstatt des sonsten zu bezahlen habend Erschatz ein neues Haus aufbauen solle, darzu aber ihm die Ertinger, zu Dürnau liegende Pfarrscheuer, anstatt Holz dazu zu applicieren gnädigst verwilligt worden.
Sodann solle er 3 Jahre lang aus diesem Gut einer Gült bezahlen und auf des Papitels Lauben liefern allwegen auf Martine an Veesen 50 Viertel (= Hohlmaß mit 21,85 Liter), Haber 24 Viertel. Nach Verfließung dieser drei Jahr aber wie andere die 4. Landgarb aufstellen. Haus-und Heuzins 4 Gulden, Maiensteuer keine. Ein halb Fuder Wein (1 Fuder 11,6265 hl), was aber wenige getuhet wird für jeden Eimer (= 38,75 1)12 Kreuzer bezahlen. Kuchelgfäll keines, Hahnen 1, Hühner 4, Eier 60. Dem allen getreulich nachzukommen hat der das Handgelibt abgelegt."

Dieser Martin Dilsi kam aus dem nahen Hundersingen. Woher kamen aber alle andren Männer und Frauen, die das zerstörte und verlassene Dorf Betzenweiler wieder aufbauten und besiedelten? Denn wenn wir die Namenslisten von 1606 und 1666 vergleichen, so finden wir nur noch folgende 7 Namen, die den Krieg überdauerten: Hummel, Maier, Mantz, Miller, Reich, Schilling (in Brackenhofen) und Zylin. Der Name Kettnacker, der von 1477 - 1631 in Betzenweiler zu finden ist, erscheint 1672 in Burgau und seit 1739 wieder in Betzenweiler. Auch die alten Namen Laub, Minst und Wachter erscheinen jetzt wieder. Alle anderen Namen sind aber fremd.

Einen Hinweis auf die Herkunft der Mehrzahl der neuen Bewohner des Dorfes erhalten wir durch das Betzenweiler Heimatspiel ,,Die Steinschweizer", das im Jahre 1866 vom damaligen Ortspfarrer Anseim Vogt geschrieben wurde und die Ereignisse während und nach dem Dreißigjährigen Krieg in historisch freier Form gestaltete. Vieles mag der Dichterpfarrer aus der mündlichen Uberlieferung, manches aus den Aufschrieben seiner Vorgänger, einiges aus dem tatsächlichen Geschehen zu einem dramatischen Bild der damaligen Zeit zusammengefügt haben. Aber gerade eine der Hauptpersonen, der Obervogt von Stein, und der wichtigste Handlungsort, der Bauhof, als Sitz des Obervogtes, entsprechen nicht den historischen Tatsachen. Trotzdem kommt der Titel des Theaterstückes nicht von ungefähr, bezeichnete doch der Volksmund die Einwohner Betzenweilers als die ,,Steinschweizer". Häuft steckt in solchen volkstümlichen Bezeichnungen ein Stückchen Wahrheit. Wie sieht diese nun aus?

In der Verlassenschaft des im Dezember 1666 bei Heiligenberg ermordeten Hans Stofer, Schultheiß von Betzenweiler, liegt noch sein vom Stift Buchau ausgestellter Reisepaß bei: ,,Demnach der hochwürdigen, hochgeborenen so Unserer gnädigen Fürstin und Frauen Untertan zu Betzenweiler beim Bussen, Hans Stofer, Zeiger dieses, von Eybell im Rithenburger Amt, Luzerner Gebiets, vorhabens, wegen obliegender Notdurft, nach Haus zu reisen und daher unterdienstlich gebeten, ihm zu seiner besseren Versicherung, auch daß er von einem gesunden Ort herkomme, beglaubigten Schein mitzuteilen ... Gegeben im fünftl. Stift Buchau, unter dem gewöhnlichen Kanzlei Secret Instigill, den einundzwanzigsten Tag Monates Novembris des 1666.sten Jahres."

Hans Stofer, seit 1651 in Betzenweiler ansäßig, kam damals nicht allein. Er brachte seine ganze Familie mit, Frau und vier Kinder. Nach dem Tode seiner Frau heiratete er in Betzenweiler Anna Sautterin und hatte mit ihr sechs weitere Kinder. Mit ihm kamen noch weitere Schweizer. Wahrscheinlich seine Brüder Wolfgang und Johann Martin die sich beide in Betzenweiler verheirateten. Sie kamen aus Inwil bei Luzern! Mit ihnen kamen auch ihre Nachbarn Peter und Franz Bucher. Beide erhielten in Betzenweiler stattliche Höfe. Peter Bucher übernahm neben dem Widumshof noch einen weiteren Hof für seinen Sohn Peter. Auch Heinrich Mattmann, der ein Kirchengut in Betzenweiler erhielt, stammt aus dieser Gegend, aus dem Nachbarort Hochdorf Noch heute tragen mehrere Familien diesen Namen. Auch der Name Ebe hat sich bis heute in mehreren Familien erhalten. Alle können ihren Stammbaum von Wilhelm Ebi aus Freiburg im Ychtland (Schweiz) ableiten. Allein 12 Güter der 32 im Grundbuch von 1666 aufgeführten werden von ,,Schweizern" bebaut. Drei weitere Güter waren schon vor 1666 im Besitz von Einwanderern aus der Schweiz. In den Betzenweiler Kirchenbüchern, die 1669 beginnen, finden wir noch weitere Namen, so daß wir eine ziemlich vollständige Liste der Einwanderer aus der Schweiz zusammenstellen können.

Aber nicht nur aus der Schweiz, sondern aus Vorarlberg, Tirol, aus Bayern und dem Breisgau kamen die Neusiedler. Auch durchziehende oder im Quartier liegende Soldaten heirateten hier und gründeten eine Familie, so der Corporal Melchior Steininger und Anna Stoferin am 24.4.1676; Wenzeslaus Lämble und Maria Stoferin am 10.5.1676 und der Feldwaibel Johannes Oxenstierna und Magdalena Ebin am selben Tag. Johannes Oxenstierna ließ sich 1705 im Alter von 62 Jahren noch das Sakrament der Firmung spenden. Von ihm und seinem Sohn Florian finden wir im Grundbuch von 1740 noch folgenden Eintrag: ,,Florian Oxenstern, zuvor dessen Vater Johann Oxenstern aus Schweden, zu Stockholm gebürtig, des famos gewesten schwedischen Generals Oxenstern Sohn, besitzt ein zur fürstl. Abtei gehöriges Häuslein, so sein Vater seelig nach vorgezeigtem Herrschaftsbriefa.D. den 29.3.1684 neu erbaut..."

Woher stammt aber der Name ,,Steinschweizer"? Der im gleichnamigen Theaterstück auftretende Baron von Stein, kaiserlicher Obrist und Herr von Betzenweiler, der den Einwanderern seinen Namen gab, scheidet aus. Die Steins stammten aus Uttenweiler und besaßen dort das Vogtrecht, auch zuvor in Bischmannshausen, aber niemals in Betzenweiler. Aber ein Johann Konrad von Stein, um 1583 in Uttenweiler geboren, könnte eine Rolle gespielt haben. Dieser trat am 11.12.1601 in den Kapuzinerorden als Pater Archangelus ein und machte sich als Guardin (Vorsteher der Klosterbrüder) vieler Klöster im Raum um den Bodensee sehr verdient. Trotzdem blieb er in ständiger Verbindung zu seiner Bussenheimat, vor allem zum Schloßherrn von Heudorf, dem Herrn von Stotzingen, dessen Lehrer der heilige Fidelis von Sigmaringen war. Als 1626 in Heudorf die neue Kirche erbaut war, feierte Pater Archangelus darin als erster die hl. Messe. Als der Herr von Stotzingen 1632 Stadtkommandant von Uberlingen war, weilte auch Pater Archangelus dort. Um 1650 war Pater Archangelus Stein in Luzern, wo er schon früher war und starb auch dort am 6.10.1652. Hier hatte er, vielleicht auf Wunsch des Herrn von Stotzingen, dessen Orte auch menschenleer waren, Leute bewogen, in seine Heimat am Bussen zu ziehen und die verwüsteten Orte wieder aufzubauen. In der Wolfartsmühle, damals im Besitz der Stotzingen, laufen viele Fäden der Einwanderung zusammen. Bei dem Kunz in der Wolfartsmühle leistete die Baronin von Stein zu Rechtenstein, die Gemahlin des Herrn von Stotzingen ab 1650 Patendienste. Ein Kunz ist kurz darauf Heiligenbauer in Betzenweiler. Nachfolger wurde sein Schwiegersohn aus der Schweiz, Heinrich Mattmann. Eine Stoferin lebte in der Wolfartsmühle, und eine Bucher und ein Bomwieser, alles Schweizer, kamen als Taufpaten in die Mühle. Das Stift Buchau, das schon häufig mit den Herren von Stotzingen in geschäftlichen Beziehungen stand, war ebenfalls stark am Wiederaufbau seiner Höfe in Betzenweiler bestrebt und unterstützte den Zuzug der Leute aus der Schweiz, indem es sie zu günstigen Bedingungen während der ersten Jahre mit den durch die Kriegswirren freigewordenen Güter belehnte. Die Folge war, daß gut die Hälfte aller Einwohner von Betzenweiler in den Jahren zwischen 1650 und 1680 aus der Schweiz stammten.

Wer aber den Zugewanderten den Namen ,,Steinschweizer" gab, der Pater Archangelus Stein oder die Baronin von Stein zu Rechtenstein, ist immer noch ungeklärt.

Die Herrschafts- und Rechtsverhaltnisse nach dem 30-jährigen Krieg

Im Urbar von 1666 sind die Rechte und Pflichten der Gemeinde festgelegt. Hervorzuheben ist dabei vor allem, daß Betzenweiler zu dieser Zeit noch ein ,,aigen gericht" hatte mit höchstens zwölf, wenigstens sechs Richtern. Die Wahl der ersten beiden Richter erfolgte durch die Gemeinde, diese wählten dann die nächsten beiden. Diese vier dann wieder zwei usw., bis die Zahl zwölf voll war. Den Amann dagegen setzte das Stift ein. Zur Gerichtsbarkeit von Betzenweiler gehörte damals auch Brackenhofen und Minderreuti. Hier standen innerhalb Etters alle hohen und niederen Gerichtsbarkeiten sowie alle Dienstbarkeiten und Steuern dem Stift Buchau zu, während außerhalb, insbesonders in den zugehörigen Wäldern, die Truchsessen von Waldburg als Inhaber der Graftschaft Friedberg-Scheer die hohe Gerichtsbarkeit ausübten. Seit 1678 beschickte Betzenweiler zusammen Dürnau mit Kanzach und Kappel, den anderen stiftischen Dörfern ein besonderes Gericht, das einmal im Jahr in Buchau tagte. Damit war das eigenständische Gericht in Betzenweiler zu Ende. Den Grund hierfür erfahren wir aus den ,,Statuta und ehehaften der fürstl. Buchaw. dorfschaften" von 1678, wo es heißt: ,,weilen solches dermalen zu gering, daß es aigen gericht, wie vor dißem, haben thue." Diese Statuten geben üns die größen Einblicke in das damalige Dorf- und Rechtswesen Betzenweilers und der anderen stiftischen Dörfer. In 135 Artikeln sind alle Pflichten, Gebote und Verbote festgelegt für Untertanen, Schultheißen und Gericht. So heißt es z.B. im Artikel 55 ,,von ein- und abzugsgelt": ,,Item welcher oder welche in unsere dorfschaften durch heurat oder sonsten sich einsezen oder einkommen will, solle einzugsgelt 8 Gulden, ir herrschaft die heifte und der dorfschaft die andere helfte ...,, bezahlen. Diese Rechtsverhältnisse hatten bis 1803 Bestand, als das Stift und seine Besitzungen, auch Betzenweiler mit der Wolfartsmühle, aber auch Moosburg und Bischmannshausen an den Fürsten von Thurn und Taxis fielen. Nach dem Ubergang der Staatshoheit an das Königreich Württemberg bildete die Gemeinde Betzenweiler mit Brackenhofen, Moosburg und der Wolfartsmühle einen Teil des Oberamtes Riedlingen. Bei der Neugliederung von 1810 kam auch Bischmannshausen zur Gemeinde Betzenweiler und bildete nach dem Gesetz von 1853 eine Teilgemeinde mit eigenem Schultheißen und Gemeindepfleger. Erst 1934 verlor Bischmannshausen seine teilweise politische Selbständigkeit.

Schon 1825 wünschten Moosburg, Brackenhofen und Brasenberg, ,,welche bisher der Gemeinde Betzenweiler zugetheilt waren", zusammen zu einer eigenen Gemeinde erhoben zu werden. Doch erhielt erst 1873 Moosburg mit Brackenhofen die gemeindliche Selbständigkeit. 1938 kam die Gemeinde Betzenweiler nach der Auflösung des OA Riedlingen zum Landkreis Saulgau und im Zuge der Kreisreform am 1.1.1973 zum Landkreis Biberach.

Die Entwicklung nach dem 30-jährigen Krieg

Noch ehe sich unsere Gegend von den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges erholt hatte, brachte der Spanische Erbfolgekrieg (1701 - 1714) neue Heimsuchungen schwerster Art. Im Herbst 1702 lagen die Bayern in unserer Gegend. Im Frühjahr 1703 vereinigten sie sich mit den Franzosen. Zahlreiche Einquartierungen und Durchmärsche dauerten bis in den Herbst 1704. Nach der Schlacht bei Hochstätt im September 1704 ist die übriggebliebene französisch-bayerische Armee in einem Tage von Munderkingen nach Meßkirch samt aller Equipagen marschiert, berichtet Pfarrer Eberhard von Betzenweiler. Dabei haben die Franzosen in Marchtal 33 Häuser angezündet und den Ort geplündert, in Bischmannshausen Roß und Vieh geraubt. Pfarrer Eberhard nahm das ,,erbärmliche Geschrei" einer Eule auf dem Pfarrhausdach als ein schlechtes Zeichen und flüchtete mit vier anderen Priestern auf den Federsee. Nach seiner Rückkehr war die Kirche zum fünften Male ausgeplündert und ein Schaden von 300 Gulden verursacht.

Auch am Ende des 18. Jahrhunderts gab es wieder Kriegshandlungen in unserer Gegend. In den Kämpfen mit den Franzosen in den Jahren 1796 - 1800 wurde unser Raum immer wieder berührt. Am 9. Mai 1800 kam es bei Uttenweiler zu heften Kämpfen zwischen Franzosen und Osterreichern. In dieser Zeit bestand in Buchau ein Werbedepot. Jede Gemeinde mußte, je nach ihrer Bevölkerungszahl, Rekruten stellen. Gewöhnlich gab man ihnen 15 Gulden Handgeld und 20 - 30 Gulden nach der Rückkehr. Man versprach ihnen auch Unterhalt, wenn sie als Krüppel heimkämen. Betzenweiler stellte damals die beiden Brüder Sonnenmoser, die aber, wie zu jener Zeit üblich, immer wieder desertierten. Magnus Sonnenmoser kehrte 1808 auf Grund des Generalpardons in seine Heimat zurück, wo er den zugesagten Lohn verlangte. Dieser wurde ihm aber verweigert, da er seine Dienstzeit nicht gehalten habe.

Bei den Feldzügen von 1809 - 1815 waren acht Betzenweiler Bürger beteiligt, die mit der Kriegsgedenkmünze ausgezeichnet wurden.

Die Überbevölkerung der Gemeinde und die dadurch verursachte Armut führte auch dazu, daß sich Bürger der Gemeinde als Soldaten für die Türkenkriege zwischen 1683 und 1718 anwerben ließen. So heißt es von Martin Ebe, daß er schon zehn Jahre im Krieg sei, und Martin Dilse schrieb 1691 einen Brief an seine Verwandten über das Betzenweiler Pfarramt. Der Brief kam aus Commorn in Ungarn.

Nach dem Sieg über die Türken und deren Vertreibung begann die Neubesiedlung Ungarns, besonders von Siebenbürgern und dem Banat durch schwäbische Siedler, die mit den bekannten Ulmer Schachteln donauabwärts führen, wo sie kostenlos Land zur Verfügung gestellt bekamen und es steuerfrei für viele Jahre nutzen konnten. Aus ganz Oberschwaben zogen damals Bauernsöhne und Handwerker nach Ungarn, um der drückenden Not und Unfreiheit zu entgehen. Aus noch im Rathaus vorhandenen Akten stammen die folgenden Namen von nach Ungarn ausgewanderten Betzenweiler Bürgerinnen und Bürger. Einige der Männer werden noch als Soldaten nach Ungarn gezogen sein, die meisten aber als Siedler, um dort eine neue Heimat zu finden. 1694 verließen die Brüder Hans und Meinrad Koch Betzenweiler, zurück blieben noch fünf Geschwister. Hans war Kuhhirt in Betzenweiler. Antonie Hiertshaus heiratete 1712 Christian Bomser aus Langenenslingen und zog acht Tage nach der Hochzeit mit ihrem Mann nach Ungarn. 1730 schreibt Sebastian Reiter um das Erbe seiner Frau Barbara geborene Fligel aus Hajos. 1731 kommen Sebastian Reiter und Matthias Fueßenegger aus Hajus, um ihren Erbteil zu holen. Von Anton Burkard, geboren 1687 in Betzenweiler, wird 1738 aus Ungarn berichtet. 1748 stirbt in Betzenweiler die Maria Stoferin, die mit ihrem ungarischen Ehemann Franz Cavaz und dessen Bruder nach Betzenweiler zurückkam. Sie war zuvor in Ungarn mit Franz Göttinger verheiratet und die beiden Kinder aus dieser Ehe Maria Anna und Johann Göttinger blieben in Ungarn. 1752 lebt noch Theresia Stofer in Hajos. Noch 1821 wandern zwei Familien aus Moosburg, nämlich Johann Sattler mit Weib und Sohn, und Jakob Geye nach Karlsdorf in Ungarn.

Der deutsch-französische Krieg 1870/187 1 rief 23 Betzenweiler Bürger an die Front, die alle wieder in die Heimat zurückkehrten. Drei von ihnen waren aber verwundet. Nach Kriegsende feierte die Gemeinde zu ihren Ehren ein großes Fest. Während des Krieges spendeten die Bürger der Gemeinde 557 Gulden und 25 Kreuzer für ihre im Felde stehenden Mitbürger. Die heute noch bestehende ,,Soldatenkameradschaft" geht auf das Jahr 1870 zurück. Die beiden Weltkriege von 1914 - 1918 und 1939 - 1945 forderten einen hohen Blutzoll von der Gemeinde. Mehr als ein Viertel aller an die verschiedenen Fronten befohlenen Männer kehrten nicht mehr in die Heimat zurück; von den 111 in den ersten Weltkrieg eingerückten Soldaten sind 28 gefallen und 2 vermißt. Nach dem 2. Weltkrieg beklagte die Gemeinde von 150 eingezogenen Wehrpflichtigen 23 Gefallene und 14 Vermißte. Ihre Namen sind auf dem Ehrenmal im Friedhof verzeichnet. Aber auch im Dorfleben wirkte sich der Krieg aus. Die jungen Männer fehlten bei der Arbeit, die Frauen mußten sie ersetzen. Teilweise waren Kriegsgefangene und Fremdarbeiter zur Arbeit zugeteilgt. Aus den zerbombten Städten des Ruhrgebietes und anderer Industriestädte wurden sogenannte Evakuierte der Gemeinde zugewiesen und sie mußten Wohnraum erhalten.

Die Besetzung Betzenweilers Ende April 1945 durch die französischen Truppen erfolgte im Gegensatz zu Uttenweiler friedlich.

Nach Kriegsende kamen Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den Ostgebieten in das Dorf und mußten untergebracht werden. 1950 machten sie fast 10 % der Bevölkerung aus (62 Personen).

3. Geschichte der Pfarrei und Kirche St. Klemens

Seit wann die Pfarrei Betzenweiler besteht und wann das erste Gotteshaus gebaut wurde, ist nicht überliefert. Erstmals urkundlich erwähnt wird Pfarrei und Kirche ,,Zum Heiligen Clemens" 1275 in der von der Diözese Konstanz angelegten Steuerrolle für den auf dem Lyoner Konzil von 1274 beschlossenen Kreuzzugszehnten. Sie stand damals schon unter dem Patronat des Stifts Buchau, dem vormaligen Reichskloster. Das ist nicht verwunderlich, da der Betzenweiler Maierhof zum Gründungsgut des Klosters gehörte und Kirche und Pfarrhof vermutlich auf ehemaligem Maierhofsbesitz errichtet wurden.

Die heutige Kirche wurde 1468 erbaut und 1578 um den Chor erweitert. Die jetzigen Ausmaße erhielt die Kirche 1878 - 1880, als die Kirche nach Westen verlängert und das Schiff auch erhöht wurde. Der 30-jährige Krieg verursachte durch Plünderungen und Zerstörungen die größten Schäden, die erst nach Jahrzehnten wieder behoben werden konnten. Der energische Pfarrer Eberhard, der von 1676 - 1713 amtierte, begann diese Arbeit. Um die Kosten bestreiten zu können, führte er einen 1 7-jährigen zähen Kampf mit seinen ,,Pfarrkindern" und dem Stift um die Wiederabführung des schon von Karl dem Großen eingeführten Kirchenzehnten sowie der Erträge der Kirchengüter (des Widumhofes, des ,,Heiligenguts" und des Pfarrwaldes). Gegen großen Widerstand der Dorfbewohner und jahrelanger Verschleppung des Prozesses um die Wiedererlangung der alten Ansprüche durch das Stift Buchau, setzte Pfarrer Eberhard schließlich durch, daß die in Krieg und Nachkriegszeit unterlassenen und unterschlagenen Abgaben und Erträge wieder in seine Zehntscheuer bzw. Kirchenkasse flossen, womit er zielstrebig die Erneuerung der Kirche und ihrer Ausstattung betrieb. So ließ er 1679 die während des Krieges als Brandschatzung nach Uberlingen verbrachten Glocken durch neue ersetzen, wobei er die Befehle der Abtissin überschritt und größere Glocken bestellte. Er begründete dies damit, daß das Stift sechs Jahre lang den Großen Zehnten unrechtmäßig eingezogen hätte. Zuvor hatte er den zerstörten Glockenstuhl erbauen lassen. 1680 wurden drei neue Altäre durch den Weihbischof von Konstanz consecriert. Er selbst bestritt seinen Unterhalt aus dem Pfarrhof, den er eigenhändig umtrieb. In erhaltenen Aufzeichnungen notierte Pfarrer Eberhard: ,,So habe ich dann 6 Monate lang von der öffentlichen Kanzel aus das Zehntrecht gelehrt und gezeigt." Wenn man bedenkt, wie kompliziert das Zehntrecht war, verwundert dies nicht. Ein Beispiel dafür: Im ,,Burgauer Oschle" war das Zehntrecht geteilt. Dabei fiel die ungerade Garbe an den, der zuerst auf dem Acker war.

1726 mußte der ausgebrannte Kirchturm wieder instandgesetzt werden. Weitere Erneuerungen und Umbauten erfolgten zwichen 1748 und 1780. Unter Pfarrer Vogler (1808 - 1820) wurde die Emporkirche erweitert, um den 1810 nach Betzenweiler eingepfarrten Bürgern aus Bischrnannshausen einen ,,hinlänglich bequemen Raum" zu schaffen. 1814 beschreibt Pfarrer Vogler die durch ihn veranlaßten Veränderungen und Neuanfertigungen in der Pfarrkirche:,,Der Hochaltar, die Chorstühle, die Nebenaltäre und selbst die Kanzel - der hiesige Schreiner Josef Schefold machte den Riß dazu, verfertigte den Bau und die Verzierung der Altäre. Wer die alte Kirche gesehen, kann sich kaum mehr darin finden, wer sie nun gesehen, glaubt wirklich in einen ganz neuen Tempel zu treten."

Die Abrechnung für die 1880 abgeschlossene Erweiterung der Pfarrkirche ergab die Summe von 20.334 Mark 32 Pfennig.

Eine umfangreiche Innenrenovation der Kirche fand in den 30iger Jahren statt, die 1967/68 der heutigen Ausgestaltung weichen mußte. Unter Pfarrer Göser (seit 1968) wurde die Kirche innen und außen renoviert, der Friedhof erweitert und neu gestaltet.

Zur Pfarrei Betzenweiler gehören auch Moosburg und Brackenhofen, die von 1799 - 1806 vorübergehend Kappel zugeordnet waren. Bischmannshausen gehörte bis 1810 zur Pfarrei Dürmentingen und wurde dann nach Betzenweiler eingepfarrt. Eine hier im 17. Jahrhundert erbaute und den Heiligen Petrus und Paulus geweihte Kapelle wurde 1903 durch einen Neubau ersetzt. Die Filialgemeinde Moosburg besitzt eine 1966 erbaute, der Hl. Maria geweihte Kirche. Schon vorher standen Kapellen, der Hl. Modesta geweiht, in Moosburg.

4. Bevölkerung und Wirtschaft

Die Bevölkerungsentwicklung

Die Einwohnerzahlen Betzenweilers, soweit solche vorhanden sind, schwanken im Laufe der Jahrhunderte ganz erheblich. So werden in der Lehensurkunde vom 30. März 1392, nach der Graf Eberhard von Württemberg Dorf und Vogteil zu ,,Beczenwiler by Buchower Sewe" dem Ritter Manz von Hornstein zu Heudorf zu Lehen gab 703 Lehensleute genannt. Im Urbar (Grundbuch) des Stifts Buchau von 1477 sind nur 15 Korneliergüter genannt, daneben gab es noch einige Güter auswärtiger Herrschaften. Im Urbar von 1606 sind 58 Haushaltungen aufgeführt, die Abgaben an das Stift leisten mußten. Danach konnten kaum mehr als 400 Menschen in Betzenweiler leben. Im 30-jährigen Krieg scheint das Dorf völlig entvölkert gewesen und erst nach 1648 langsam wieder besiedelt worden zu sein, besonders durch die Einwanderer aus der Schweiz. 1670 huldigten der Abtissin 22 Familienväter und 7 ledige Söhne und Knechte, was auf rd. 120 Einwohner schließen läßt. 1693 sollen es nach den Statuten des Landkapitels Saulgau 200 gewesen sein. 1743 werden 55 Familienväter und 43 ledige Söhne und Knechte aufgeführt. Für das Jahr 1803, bei der Ubergabe des Dorfes an den Fürsten von Thurn und Taxis, liegen erstmals genauere Angaben über die 335 Einwohner vor:

Erwachsene

Kinder

Verheiratete

Ledige (über 15 J.)

Männer

Frauen und Witwen

Männer

Frauen

Jungen

Mädchen

60

67

50

63

52

43

Tabelle 1: Bevölkerungsstruktur 1803

1828 waren es einschließlich der Wolfartsmühle 395 Einwohner. Die folgenden Jahrzehnte sind durch große Schwankungen in der Bevölkerungsentwicklung gekennzeichnet. Ein besonders auffälliges Bevölkerungswachstum verzeichneten die Jahre zwischen 1834 und 1855, in denen sich Betzenweiler von 470 auf 700 Einwohner vergrößerte. Diese Zunahme entspricht einer jährlichen Zuwachsrate von fast 2 % und ist nicht allein durch einen hohen Geburtenüberschuß zu erklären. Sicherlich beruht ein Teil dieses Zuwachses auch auf Zuwanderung. Aber schon 1861 wurden nur noch 575 Einwohner gezählt. Sicher ist der Teil der 1855 Ortsanwesenden wieder abgewandert, auch Auswanderungen nach Ubersee trugen zu dem Rückgang bei. In den folgenden Jahrzehnten stieg die Einwohnerzahl bis zur Jahrhundertwende wieder an, so daß man 1895 sogar 710 Einwohner zählte. Die Ausgliederung von Moosburg und Brackenhofen im Jahre 1873 als selbständige Gemeinde verringerte die Einwohnerzahl um etwa 150 Personen, doch wurde dieser Verlust infolge des Geburtenüberschusses wiederum rasch ausgeglichen. Danach sank die Bevölkerungszahl durch Abwanderung auf nur noch 590 im Jahre 1939. Diese abnehmende Tendenz hätte sich auch nach dem 2. Weltkrieg fortgesetzt, wenn nicht der Zuzug von Heimatvertriebenen, 62 an der Zahl, einen Ausgleich geschaffen hätte. Die sonstige Zuwanderung war unbedeutend. Bis 1972 stieg die Einwohnerzahl auf 672 Personen an. Am 30.06.1995 betrug sie 669 Personen. Zwischenzeitlich betrug sie 1986 nur noch 624 Personen.

Land- und Forstwirtschaft

Nach seiner Wirtschaftsstruktur kann Betzenweiler noch als landwirtschaftliche Gemeinde mit zunehmend gewerblicher und industrieller Entwicklung, verbunden mit zunehmenden Aus-und Einpendlerzahlen, angesehen werden. Die Zahl der von der Landwirtschaft lebenden Einwohner verminderte sich von 547 im Jahre 1895 (82%) auf 374 (58,9 %) im Jahre 1950 und 221 bei der Volkszählung 1970 (33,1%). 1987 waren von den 318 Erwerbstätigen nur noch 20,1 % (64 Personen) in der Landwirtschaft tätig, wobei die Tendenz noch weiter fallend ist. Dabei blieb die Zahl der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe ab 0,5 ha bis in die erste Nachkriegszeit hinein unverändert (93). Erst um 1960 setzte auch hier der Rückgang ein, und zwar auf 74 im Jahre 1977. Unter diesen waren 66 Landwirtschaftsbetriebe ab 1 ha LF, deren Zahl in den folgenden Jahren, wie die Tabelle zeigt, immer weiter sank. Durch die Auflösung der zumeist kleineren Betriebe hatten die übrigen die Möglichkeit, ihre Nutzfläche aufzustocken. Dieser Vorgang spiegelt sich in einem deutlichen Wandel der Größenstruktur der Betriebe wider (Tabelle 2).

Landwirtschaftliche Betriebsstrukturen
1983 1987 1991 1991
Anzahl Anzahl Anzahl in %
Landw. Betriebe ab 1 ha LF insgesamt 61 60 53 100
davon Betriebe mit 01 bis unter 05 ha
7 9 14 26,4
05 bis unter 10 ha
12 11 7 13,2
10 bis unter 20 ha
28 26 18 34,0
20 bis unter 30 ha
10 7 5 09,4
30 ha und mehr ha
4 7 9 17,0
ha ha ha in %
Landw. gen. Fläche (LF) der Betriebe ab 1 ha LF 890 912 825 100
davon Betriebe mit 01 bis unter 05 ha
21 23 42 5,1
05 bis unter 10 ha
82 81 50 6,1
10 bis unter 20 ha
395 378 238 28,8
20 bis unter 30 ha
240 156 118 14,3
30 ha und mehr ha
152 274 377 45,7
Durchschnittl. Betriebsgröße (ha LF) 14,5 15,2 15,6
Landwirtschaftliche Betriebe mit Wald 5 7 ...

 

Tabelle 2: Landwirtschaftliche Betriesbstrukturen

Laut der statistischen Erhebung des Jahres 1983, die nach den überwiegenden Einkommensquellen der Landwirte und ihrer Ehegatten fragte, gab es in der Gemeinde 31 Haupterwerbs-, 9 Zuerwerbs- und 23 Nebenerwerbsbetriebe, wobei die Tendenz weg von den Haupterwerbsbetrieben geht. Bei der landwirtschaftlichen Produktion hat sich immer mehr die Viehhaltung und hier besonders die Schweinehaltung in den Vordergrund geschoben. Diese Entwicklung zeigt folgende Tabelle:

Nutztierhaltung
Jahr
Pferde
Rindvieh
insgesamt
darunter
Kühe
Schweine
Schafe
Ziegen
1827
87
257
156
72
-
-
1907
94
1000
461
606
-
15
1933
86
1090
-
691
-
14
1960
62
1243
465*
985
-
3
1982
20
1557
598*
2985
11
-

Tabelle 3: Nutztierhaltung

Wie auch in den anderen Gemeinden des Federseeraumes zeigt die Entwicklung der Tierhaltung zwei Zuwachsphasen, die erste noch im Verlauf des vorigen Jahrhunderts, als sich der Übergang zur Stallfütterung voll auswirkte, und die zweite in den letzten Jahrzehnten. Hier fällt die enorme Intensivierung der Schweinehaltung auf Dem allgemeinen Trend entsprechend verlief die Entwicklung der Rinderhaltung. Die Zahl der Rinder haltenden Betriebe verminderte sich auf die Hälfte. Trotzdem stieg der Gesamtbestand um 25 % an. Daraus resultierte eine Aufstockung der Einzelbestände je Stall von durchschnittlich 15 auf über 40 Tiere an.

Die 1924 gegründete Molkereigenossenschaft Betzenweiler schloß sich schon 1933 dem Bezirksbutterwerk Riedlingen, jetzt Milchwerk Donau-Alb, an. Denselben Weg beschritt die damals kurz zuvor gegründete Milchverwertungsgenossenschaft Bischmannshausen. 1964 fusionierten beide Genossenschaften und bestanden bis 1991.

Die landwirtschaftlich genutzte Fläche der hiesigen Betriebe hat mit rd. 900 ha ihren Umfang seit Jahren fast unverändert gehalten. Verringert hat sich dagegen seit 1960 der Anteil des Dauergrünlandes (380 ha = 42%) gegenüber dem Ackerland (519 ha = 57 %).

Bei der Nutzung des Ackerlandes zeigt sich ein deutlicher Rückgang des Hackfruchtanbaues. 1960 betrug die Getreideanbaufläche 37%, diejenige des Ackerfutters 9 % und der Anteil der Hackfrüchte 12 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Die Forstwirtschaft spielt in Betzenweiler keine große Rolle. Nur knapp 14 % der Gemarkung sind bewaldet. Davon gehören mehr als vier Fünftel des Waldes dem Fürsten von Thurn und Taxis, dessen Verwaltung bis vor einigen Jahren auch eine eigene Revierförsterei am Ort unterhielt. Der restliche Wald ist, obwohl gering, besitzmäßig stark zersplittert. Dabei herrscht das Nadelholz vor, größtenteils die Fichte.

Gewerbliche Wirtschaft

Wie stark sich die Art der Erwerbstätigkeit in den letzten hundert Jahren bei der Einwohnerschaft der Gemeinde verändert hat, zeigen am besten die folgenden Zahlen: 1895 zählten 11,1 Prozent der Bevölkerung von Betzenweiler zum Wirtschaftsbereich ,,Industrie und Bauwesen" (einschließlich Handwerk). Dieser Anteil erhöhte sich bis 1950 auf 19,7% 1970 gehörten 39,2 % und 1987 schon 50,3% der Einwohnerschaft zum produzierenden Gewerbe. Im Jahre 1831 übten 27 Handwerksmeister ihr Gewerbe in Betzenweiler (davon 2 in Moosburg und einer in Bischmannshausen) aus. Damals bestanden hier 1 Mahlmuhle, 1 Olmuhle und 1 Öl- und Gipsmühle. Interessant ist auch, daß Mitte des letzten Jahrhunderts die Schreinermeister Heitele und Schefold aus Betzenweiler als Orgelbauer, nicht nur in der Gemeinde, sondern auch in anderen Orten, tätig waren. 1879 verlegte Paul Brobeil seine 1875 in Geislingen bei Balingen gegründete Mühlenbauerei nach Betzenweiler. Daraus entstand das erste Industrieunternehmen in der Gemeinde. Das Unternehmen wuchs und zählte 1920 ca. 30 Beschäftigte, wurde aber 1930 in das benachbarte Dürmentingen verlegt. Dann entwickelte sich aber erst wieder seit 1957 ein Industriebetrieb im Ort, die Fa. Reck/Maschinenbau. Der älteste, in der 4. Generation bestehende Betrieb ist das Bauunternehmen Franz Traub, gegründet 1866. Mittlerweile sinde eine ganze Reihe neuer Betriebe dazu gekommen, wie aus der Firmenliste zu sehen ist.

Minschtl at its best